Wann brauche ich Therapie?
Viele Menschen warten zu lange, bevor sie sich Hilfe suchen. Zu früh gibt es dabei nicht.
Woran merkt man, dass etwas Aufmerksamkeit braucht?
Es gibt kein eindeutiges Signal, aber einige Anzeichen tauchen häufig auf. Schlaf der sich verändert, zu wenig oder zu viel. Eine anhaltende innere Unruhe oder Leere, die sich nicht zuordnen lässt. Dinge, die früher Freude gemacht haben, interessieren plötzlich nicht mehr. Gedanken, die sich im Kreis drehen und sich nicht abschalten lassen. Körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Magenprobleme, für die kein medizinischer Grund gefunden wird.
Einzeln können all das normale Reaktionen auf Belastung sein. Wenn sie zusammen auftreten oder über Wochen anhalten, lohnt es sich hinzuschauen.
Normale Belastung oder mehr?
Nicht jede schwierige Phase braucht Therapie. Wer weiß, dass eine Übergangsphase oder äußerer Stress hinter der Erschöpfung steckt, und genug Ressourcen hat, kommt oft wieder raus. Ein Anhaltspunkt: Wenn die Symptome unabhängig von äußeren Belastungen anhalten, oder wenn das Funktionieren im Alltag merklich beeinträchtigt ist, in der Arbeit oder in Beziehungen, braucht es mehr Unterstützung.
Was passiert, wenn man zu lange wartet?
Muster verfestigen sich. Was anfangs eine Reaktion auf Stress war, kann sich zu etwas entwickeln, das sich verselbstständigt. Viele Menschen beschreiben im Rückblick, dass sie sich daran gewöhnt hatten, sich nicht gut zu fühlen, und irgendwann nicht mehr wussten, wie es sich ohne anfühlt. Früh anzufangen bedeutet mehr Spielraum.
Was hält viele zurück?
Oft Scham: die Überzeugung, man müsste das alleine schaffen, oder die Angst, als schwach zu gelten. Gerade in älteren Generationen hält sich das Bild, Therapie sei etwas für Menschen mit ernsthaften psychischen Erkrankungen. Das stimmt schon lange nicht mehr.
Eine Diagnose braucht man nicht, um Hilfe zu suchen. Man kann auch ohne klares Bild davon, was genau nicht stimmt, ein Erstgespräch vereinbaren. Das zu sortieren ist Teil der Arbeit.
Nastassja Volkov, Psychologische Psychotherapeutin