Komplexe PTBS und die vier Überlebensstrategien
Geschrieben von Nastassja Volkov · Psychologische Psychotherapeutin
Jemand sagt etwas Beiläufiges (ein bestimmter Tonfall, eine Geste, ein Blick), und plötzlich ist man nicht mehr ganz da. Die Brust zieht sich zusammen. Ein Gefühl von Scham oder Panik oder totaler Leere überflutet einen, ohne dass man genau sagen könnte, warum. Die Situation gibt das nicht her, der Körper reagiert aber so. Das Phänomen nennt sich emotionaler Flashback, und er gehört zu den zentralen Merkmalen einer komplexen PTBS.
Was ist eine komplexe PTBS?
Die komplexe PTBS wurde 2022 als eigenständige Diagnose in die ICD-11 aufgenommen.
Während eine klassische PTBS oft nach einem einzelnen traumatischen Ereignis wie einem Unfall, Überfall oder einer Naturkatastrophe entsteht, entwickelt sich die komplexe PTBS nach wiederholten Traumatisierungen über längere Zeiträume. Häufig in der Kindheit oder Jugend, oft durch Menschen, die eigentlich für Schutz zuständig gewesen wären.
Das ist der entscheidende Unterschied: Wenn das Trauma von Bezugspersonen ausgeht, gibt es keinen sicheren Ort, an den man sich zurückziehen kann. Das Kind lernt, dass Nähe Gefahr bedeutet, dass Vertrauen Risiko ist und dass die eigenen Bedürfnisse dem Überleben im Weg stehen.
Die ICD-11 beschreibt cPTBS durch drei zusätzliche Merkmalsbereiche, die über die klassische PTBS hinausgehen:
- Affektdysregulation: Gefühle kommen überwältigend, oder sie kommen kaum noch. Beides ist ein Zeichen dafür, dass das Nervensystem sich schützen gelernt hat.
- Negatives Selbstkonzept: eine tiefe, oft nicht bewusste Überzeugung, defekt, wertlos oder für andere unzumutbar zu sein. Nicht als kurzfristiger Gedanke, sondern als Grundannahme.
- Beziehungsschwierigkeiten: Nähe zulassen fühlt sich entweder zu gefährlich an oder erzeugt intensive Angst vor Verlust. Das Nervensystem kennt aus Beziehungen oft nur zwei Aggregatzustände: Bedrohung oder Überlebenswichtigkeit.
Die vier Reaktionsmuster nach Pete Walker
Der US-amerikanische Psychotherapeut Pete Walker, selbst ein Überlebender komplexer Traumatisierung, hat ein Modell entwickelt, das viele Betroffene als das erste Werkzeug beschreiben, mit dem sich ihr eigenes Leben plötzlich verständlicher wird.
Walker beschreibt vier Überlebensstrategien, die Menschen in traumatischen Situationen entwickeln, um sich anzupassen: Fight, Flight, Freeze, Fawn. Diese Reaktionen sind ursprünglich sinnvoll und schützend. Im Erwachsenenleben können sie zur Falle werden, weil das Nervensystem sie auch dann aktiviert, wenn die ursprüngliche Bedrohung längst nicht mehr existiert.
Fight — Kampf
Menschen mit einem ausgeprägten Fight-Muster reagieren auf das Gefühl von Bedrohung oder Kontrollverlust mit Angriff oder Kontrolle. Als Kind hat das funktioniert: Wer sich durchsetzte, wer die Kontrolle behielt, wer stark genug war, konnte sich schützen.
Im Erwachsenenleben zeigt sich das oft als Perfektionismus, starkes Kontrollbedürfnis, Schwierigkeiten, Kritik anzunehmen, oder schnelle Reizbarkeit bei gefühlter Ungerechtigkeit. Dahinter steckt kein schlechter Charakter, sondern ein Nervensystem, das gelernt hat: Wenn ich nicht stark bin, bin ich in Gefahr.
Flight — Flucht
Das Flight-Muster äußert sich als innerer Drang, Unangenehmes zu vermeiden oder sich in Aktivität zu flüchten. Als Kind kann das eine bewährte Strategie sein: Unsichtbar sein, sich der Situation entziehen, um nicht da zu sein, wenn es gefährlich wird.
Im Erwachsenenleben wirkt das oft wie chronisches Überarbeiten, anhaltende Angst, Prokrastination oder eine Unfähigkeit, zur Ruhe zu kommen. Der Kopf plant, sorgt, antizipiert weiter, weil Innehalten bedeutet, das Unangenehme zu spüren, vor dem man seit Jahren flieht.
Freeze — Erstarrung
Das Freeze-Muster ist die Reaktion, wenn Kampf und Flucht keine Option mehr waren. Erstarrung ist die älteste Überlebensstrategie des Nervensystems: sich totstellen, wenn alle anderen Strategien erfolglos scheinen.
Im Alltag zeigt sich das als Dissoziation, emotionale Taubheit, Passivität oder das anhaltende Gefühl, nicht wirklich im eigenen Leben zu sein. Dinge bleiben liegen, Entscheidungen werden nicht getroffen, nicht aus Faulheit, sondern weil das System in einem Zustand verharrt, der einmal das Überleben sicherte.
Fawn — Anpassung und Gefälligkeit
Das Fawn-Muster ist das am wenigsten bekannte. Für viele ist es jenes, das die Persönlichkeit am tiefgreifendsten geformt hat.
Fawn bedeutet: Das eigene Überleben durch Gefallen sichern. Manche Kinder lernen früh, dass Harmonie um jeden Preis die sicherste Strategie ist. Sie lernen, dass es gefährliche Konsequenzen hat, eigene Bedürfnisse und Grenzen zu äußern, und dass es sicherer ist, sich anzupassen, als sich zu zeigen.
Im Erwachsenenleben zeigt sich Fawn als chronisches Gefallenwollen, große Schwierigkeiten mit dem Wort “Nein”, das Gefühl, die eigenen Wünsche kaum zu kennen, und intensive Angst davor, jemanden zu enttäuschen oder zu belasten. Wer das Fawn-Muster entwickelt hat, ist oft für andere außerordentlich fürsorglich, für sich selbst aber kaum präsent.
Das Erschöpfende daran: Die eigenen Bedürfnisse verschwinden nicht. Sie werden so lange übergangen, bis irgendwann nicht mehr klar ist, was sie überhaupt waren.
Diese Verhaltensweisen sind keine Charaktereigenschaften, sondern Anpassungsleistungen, die unter Bedingungen entstanden, die keine andere Wahl ließen. Sie als solche zu verstehen, ist oft der erste wirklich entlastende Schritt.
Emotionale Flashbacks
Pete Walker beschreibt ein Phänomen, das viele Betroffene sofort wiedererkennen und für das es lange keinen Namen gab: den emotionalen Flashback.
Anders als der klassische Flashback, der oft visuelle Erinnerungsbilder enthält, ist der emotionale Flashback kein Bild, sondern ein Zustand. Plötzlich fühlt man sich wieder so wie damals: klein, hilflos, beschämt, verlassen, überwältigt. Ohne eine klare auslösende Erinnerung oder Verständnis, was gerade passiert.
Ein emotionaler Flashback kann durch einen bestimmten Tonfall ausgelöst werden, durch eine kurze Pause in einem Gespräch, eine beiläufige Kritik oder das Gefühl, jemandem zur Last zu fallen.
Was von außen wie eine Überreaktion aussieht, ist das Nervensystem in der Vergangenheit, so wie es die Situation damals erlebt hat. Es unterscheidet nicht zuverlässig zwischen “damals” und “jetzt”, wenn ein Trigger stark genug ist.
Das zu verstehen ist oft der erste entlastende Schritt: eine alte Erfahrung, die sich noch nicht als vergangen anfühlt.
Wie Therapie bei komplexer PTBS aussieht
Komplexe PTBS braucht einen phasischen Ansatz. Das bedeutet, dass die Arbeit einer bestimmten Reihenfolge folgt, nicht aus formalen Gründen, sondern weil das Nervensystem diese Reihenfolge braucht.
Phase 1: Stabilisierung.
Bevor traumatische Inhalte direkt bearbeitet werden, wird Sicherheit aufgebaut: Das Nervensystem lernt, sich zu regulieren, Ressourcen werden gestärkt, der Alltag schrittweise bewältigbarer. Diese Phase kann Zeit brauchen und ist keine bloße Vorbereitung, sondern Therapie im vollen Sinne.
Phase 2: Traumaverarbeitung.
In einem stabilen, kontrollierten Rahmen werden belastende Erfahrungen schrittweise bearbeitet, immer im Tempo der Betroffenen, nie über die individuelle Belastungsgrenze hinaus. Bei cPTBS geht es dabei oft weniger um einzelne Ereignisse als um Muster, Glaubenssätze und Beziehungserfahrungen, die sich über Jahre abgelagert haben.
Phase 3: Integration.
Das Erlebte wird in die eigene Lebensgeschichte eingeordnet. Das bedeutet nicht, dass es vergessen wird, sondern dass es seinen Platz in der Vergangenheit findet, anstatt die Gegenwart zu bestimmen. Viele Menschen berichten in dieser Phase auch davon, erstmals ein klareres Gefühl dafür zu entwickeln, wer sie jenseits ihrer Überlebensstrategien eigentlich sind.
Komplexe PTBS ist grundsätzlich auch im Online-Setting bearbeitbar. Da dissoziative Symptome besondere Anforderungen an den therapeutischen Rahmen stellen können, prüfe ich vorab sorgfältig, ob das in Ihrem Fall zum jetzigen Zeitpunkt fachlich vertretbar ist.
Ich bin approbierte Psychologische Psychotherapeutin mit Schwerpunkt kognitive Verhaltenstherapie. Komplexe Traumafolgestörungen und Bindungstrauma gehören zu meinen Behandlungsschwerpunkten. Ich biete Online-Therapie auf Deutsch, Englisch, Spanisch und Russisch an.