EMDR: Was hinter der Methode steckt und für wen sie geeignet sein kann
Geschrieben von Nastassja Volkov · Psychologische Psychotherapeutin
Wer sich mit Trauma beschäftigt, stößt früher oder später auf EMDR. Die Abkürzung steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing, auf Deutsch etwa Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegungen. Für viele klingt das zunächst ungewöhnlich: Man denkt an eine belastende Erinnerung und folgt dabei mit den Augen den Handbewegungen der Therapeutin. Gleichzeitig gehört EMDR heute zu den am besten untersuchten Behandlungen bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).
Wie EMDR entstanden ist
Entwickelt hat die Methode die amerikanische Psychologin Francine Shapiro Ende der 1980er Jahre, ihre erste Studie dazu erschien 1989. Daraus ist über die Jahre ein strukturiertes Vorgehen entstanden, das heute weltweit eingesetzt wird.
Wie eine Behandlung abläuft
Ein großer Teil der Arbeit passiert, bevor überhaupt eine Erinnerung bearbeitet wird. Zu Beginn geht es darum, die eigene Geschichte und die Beschwerden zu verstehen und gemeinsam zu planen, an welchen Erinnerungen gearbeitet werden soll. Danach folgt eine Phase der Vorbereitung, in der man Wege kennenlernt, mit starken Gefühlen umzugehen, etwa über Vorstellungsübungen wie einen inneren sicheren Ort oder einfache Übungen zur Beruhigung. Erst wenn sich das stabil genug anfühlt, beginnt die eigentliche Verarbeitung.
Dabei holt man sich ein Bild der belastenden Situation vor Augen, zusammen mit dem Gedanken, der dazugehört („Ich bin hilflos“), den Gefühlen und dem, was man im Körper spürt. Während man diese Erinnerung im Kopf behält, folgen die Augen für kurze Zeit den Handbewegungen der Therapeutin. Statt der Augenbewegungen sind auch abwechselnde Töne oder ein leichtes Antippen der Hände möglich. Nach jedem Durchgang hält man kurz inne, schaut, was sich verändert hat, und macht von dort aus weiter. Am Ende einer Sitzung wird wieder für Stabilität gesorgt, damit man gut in den Alltag zurückfindet.
Viele beschreiben, dass die Erinnerung im Verlauf blasser wird oder weiter weg wirkt. Das Erlebte wird dabei nicht vergessen, es kann aber deutlich an Wucht verlieren.
Warum die Augenbewegungen eine Rolle spielen könnten
Wie genau EMDR wirkt, ist noch nicht abschließend geklärt. Eine gut untersuchte Erklärung kommt aus der Gedächtnisforschung. Das Arbeitsgedächtnis kann nur begrenzt viel gleichzeitig halten. Wer eine belastende Erinnerung im Kopf hat und gleichzeitig mit den Augen einer Bewegung folgt, beansprucht es von zwei Seiten. In Experimenten wurden Erinnerungen dadurch als weniger lebhaft und weniger belastend erlebt (van den Hout & Engelhard, 2012). Die Idee dahinter ist, dass die Erinnerung in dieser abgeschwächten Form anschließend wieder abgespeichert wird.
Was die Forschung zur Wirksamkeit sagt
Bei einer PTBS ist die Studienlage für EMDR gut. Eine große Übersichtsarbeit mit 114 Studien kam zu dem Ergebnis, dass traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie und EMDR als Behandlungen erster Wahl empfohlen werden können (Lewis et al., 2020). Die deutsche S3-Leitlinie zur PTBS von 2026 empfiehlt, Betroffenen eine traumafokussierte Psychotherapie im Einzelsetting anzubieten, und nennt EMDR ausdrücklich unter den Verfahren mit robuster Evidenz, zusammen mit der Kognitiven Therapie, der Kognitiven Verarbeitungstherapie, der Narrativen Expositionstherapie und der Prolongierten Exposition. In Deutschland ist EMDR seit 2015 als Methode für Erwachsene mit PTBS in der Psychotherapie-Richtlinie verankert (G-BA, 2014).
Zur ehrlichen Einordnung gehört auch: Im direkten Vergleich mit anderen Psychotherapien zeigt EMDR keine klaren Vorteile. Eine Auswertung der Einzeldaten aus acht Studien fand keinen bedeutsamen Unterschied zu anderen psychologischen Behandlungen (Wright et al., 2024). EMDR ist also eine gut belegte Möglichkeit unter mehreren. Bei anderen Beschwerden, etwa Ängsten oder Depressionen, wird EMDR ebenfalls eingesetzt, dort ist die Forschung bisher aber weniger weit.
Was man vorher wissen sollte
Die Verarbeitung kann aufwühlend sein, auch in den Tagen nach einer Sitzung. Dann tauchen manchmal Erinnerungen, Gefühle oder lebhafte Träume auf. Das kann zum Verarbeiten dazugehören und lässt sich in der nächsten Sitzung besprechen.
Wer gerade in einer akuten Krise steckt, sehr instabil ist oder sich häufig wie abgeschnitten von sich selbst fühlt, braucht meist zuerst mehr Stabilisierung. Auch bei einer komplexen PTBS, die nach wiederholten Traumatisierungen entstehen kann, wird das Vorgehen oft angepasst und behutsamer geplant.
Bei der Suche nach einer Behandlung lohnt es sich, auf die Qualifikation zu achten: eine Approbation als Psychotherapeut:in und eine Zusatzausbildung in EMDR. Für die Behandlung im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung schreibt der G-BA eine solche Zusatzqualifikation ausdrücklich vor.
Welche traumafokussierte Methode am Ende passt, lässt sich gemeinsam klären. Oft ist der schwerste Schritt der erste, sich mit dem Erlebten überhaupt jemandem anzuvertrauen. Wer mehr darüber lesen möchte, was ein Trauma im Körper auslöst, findet das im Artikel Trauma und PTBS.
Quellen
- Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT) u. a. (2026). S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung, Version 7.0, AWMF-Register 155-001, Empfehlung 2.1.
- Gemeinsamer Bundesausschuss (2014). Beschluss zur Aufnahme von EMDR in die Psychotherapie-Richtlinie, in Kraft seit 3. Januar 2015.
- Lewis, C., Roberts, N. P., Andrew, M., Starling, E. & Bisson, J. I. (2020). Psychological therapies for post-traumatic stress disorder in adults: Systematic review and meta-analysis. European Journal of Psychotraumatology, 11(1), 1729633.
- van den Hout, M. A. & Engelhard, I. M. (2012). How does EMDR work? Journal of Experimental Psychopathology, 3(5), 724–738.
- Wright, S. L., Karyotaki, E., Cuijpers, P. u. a. (2024). EMDR v. other psychological therapies for PTSD: A systematic review and individual participant data meta-analysis. Psychological Medicine, 54(8), 1580–1588.
Nastassja Volkov ist approbierte Psychologische Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie) und begleitet Erwachsene auch bei Traumafolgestörungen, online und ab Dezember 2026 in ihrer Praxis in Köln-Nippes. In der Traumatherapie arbeitet sie auch mit EMDR.