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Frau sitzt an einem Schreibtisch voller Notizen, Unterlagen und Laptop

ADHS bei Frauen: Warum sie oft so spät erkannt wird

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Geschrieben von Nastassja Volkov · Psychologische Psychotherapeutin

Wenn man an ADHS denkt, haben viele noch das Bild eines Jungen im Kopf, der im Unterricht nicht still sitzen kann. Dass auch viele Frauen ADHS haben, rückt erst in den letzten Jahren stärker ins Bewusstsein. Und so erfahren viele erst mit 30, 40 oder später davon, manchmal über einen Artikel, einen Social-Media-Beitrag oder weil das eigene Kind gerade diagnostiziert wurde und man beim Lesen der Beschreibung merkt: Das kenne ich doch von mir.

Warum ADHS bei Mädchen und Frauen oft übersehen wird

Bei Mädchen zeigt sich ADHS häufiger in Form von Unaufmerksamkeit als durch sichtbare Unruhe. Sie träumen eher vor sich hin, verlieren den Faden, vergessen Dinge oder brauchen für Hausaufgaben ewig, stören aber selten den Unterricht. Das fällt Lehrkräften und Eltern weniger auf, und so wird eher von Verträumtheit oder mangelnder Motivation gesprochen als von ADHS.

Dazu kommt, dass viele Mädchen früh lernen, ihre Schwierigkeiten auszugleichen. Sie schreiben sich alles auf, lernen nachts, sind besonders angepasst oder bemühen sich sehr, nicht aufzufallen. Diese Anstrengung sieht von außen kaum jemand. Von innen fühlt sie sich oft an wie ein ständiges Hinterherrennen.

Wie sich ADHS bei Frauen im Alltag zeigen kann

Im Erwachsenenalter zeigt sich ADHS oft weniger in äußerer Unruhe und mehr im Kopf: Gedanken springen, vieles wird angefangen und wenig beendet, Termine rutschen durch, und einfache Aufgaben wie Post öffnen oder ein Telefonat können sich unverhältnismäßig schwer anfühlen. Viele beschreiben auch eine starke emotionale Reaktion auf Kritik oder Zurückweisung und das Gefühl, schneller überfordert zu sein als andere.

Gleichzeitig können dieselben Menschen in Krisen erstaunlich ruhig sein, sich stundenlang in ein Thema vertiefen, das sie begeistert, und sehr kreativ und spontan sein. Zu ADHS gehören also auch diese Seiten, weil es eigentlich um eine bestimmte Art geht, wie das Gehirn Aufmerksamkeit und Motivation steuert.

Viele Frauen berichten außerdem, dass die Symptome je nach Lebensphase schwanken, etwa im Zyklus, nach der Geburt eines Kindes oder in den Wechseljahren. Und häufig kommen die ersten Diagnosen gar nicht wegen ADHS, sondern wegen Erschöpfung, Depression oder Ängsten, die sich über die Jahre aus der ständigen Anstrengung entwickelt haben.

Die späte Erkenntnis

Für viele ist der Moment, in dem ADHS als Erklärung auftaucht, erst einmal eine Erleichterung. Plötzlich ergibt vieles einen Sinn, was man jahrelang als persönliches Versagen erlebt hat: “Ich bin also nicht faul oder chaotisch, mein Gehirn funktioniert einfach anders.” Gleichzeitig kommen oft auch Trauer und Wut auf. Wie wäre die Schulzeit verlaufen, wenn es damals jemand erkannt hätte? Was hätte man sich ersparen können?

Beide Gefühle dürfen da sein. Es braucht meist etwas Zeit, das eigene Leben mit diesem neuen Wissen noch einmal anzuschauen.

Was helfen kann

Wer bei sich ADHS vermutet, kann sich für eine Diagnostik an eine psychiatrische Praxis, eine Spezialambulanz oder eine psychotherapeutische Praxis mit entsprechendem Schwerpunkt wenden. Eine Diagnose ist nicht für alle nötig, sie kann aber Türen öffnen, etwa zu einer medikamentösen Behandlung, die für manche eine große Entlastung ist.

Unabhängig davon hilft vielen eine gute Portion Wissen über ADHS: Warum fällt mir das so schwer? Welche Strategien passen zu meinem Kopf, statt gegen ihn zu arbeiten? Und wie kann ich freundlicher mit mir umgehen, wenn trotzdem etwas schiefgeht?

Besonders wertvoll ist für viele der Austausch mit anderen, die Ähnliches erleben. Wenn jemand anderes erzählt, dass auch bei ihr drei angefangene Projekte auf dem Schreibtisch liegen, fällt oft eine ganze Menge Scham ab. Mehr darüber, was nach einer Diagnose kommen kann, steht in diesem Artikel über ADHS im Erwachsenenalter.


Nastassja Volkov ist approbierte Psychologische Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie). Ab Januar 2027 leitet sie eine ADHS-Gruppentherapie für Erwachsene, online und vor Ort in Köln-Nippes. Mehr zur ADHS-Therapie online.

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